Aktiv gegen Mobbing

Anke Gattnar ist Sozialpädagogin und SOS-Schulsozialarbeiterin an zwei Grundschulen in Göppingen in Baden-Württemberg. Im Interview gibt sie Anregungen, wie Lehrkräfte aktiv gegen Mobbing vorgehen können.

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Wieso haben Sie sich für eine Arbeit in der Kinder- und Jugendhilfe entschieden? 
Ich habe mich von Anfang an für diesen Bereich interessiert. Da ich aber großen Respekt davor hatte, als Einzelkämpferin an Schulen aufzutreten, habe ich mich zuerst bei einer Wohngruppe beworben. Dann kam die Anfrage vom Kinderdorf Göppingen und jetzt kann ich mir nicht vorstellen, woanders zu arbeiten, weil es einfach so viel Spaß macht. Die Teamstrukturen und die Zusammenarbeit mit den Lehrkräften laufen sehr gut. Als ich begonnen habe, musste eine Schule eine Brennpunktschule sein, um überhaupt eine Schulsozialarbeitsstelle zu haben. Jetzt ist eine solche Stelle ein Qualitätsmerkmal für eine Schule.

Warum ist Mobbing ein Tabuthema? 
Beim Mobbing wird ein Einzelner meist täglich in eine unangenehme oder erniedrigende Situation gebracht. Diese Person schämt sich selbst dafür. Versucht sie, etwas dagegen zu tun oder sich durchzusetzen, verschlimmert es die Situation häufig nur. Möchten dann auch noch Außenstehende eingreifen, ist das für Betroffene zusätzlich beschämend. Das ist ganz schwierig.

Welche Herausforderungen bringt Mobbing an Schulen mit sich? 
Mobbing spielt sich häufig im Verborgenen ab. Die größte Herausforderung liegt darin, überhaupt mitzubekommen, dass etwas passiert. Die Betroffenen schämen sich sehr, da sie selbst nichts an der Situation ändern können. Sie wollen aber auch, dass es aufhört. Als Schulsozialarbeiterin versuche ich, hellhörig zu sein und Angebote vorzuschlagen, die Mobbing vorbeugen. 

Welche präventiven Angebote gibt es?
Es geht darum, unsere Arbeit bekannt zu machen. Damit klar wird, dass wir Beratungen anbieten, dass man mit uns ganz im Vertrauen sprechen kann. Dafür besuche ich alle Klassen und stelle mich vor. In den Pausen biete ich Spielmöglichkeiten an. Das ist eine niedrigschwellige Möglichkeit für SchülerInnen, sich zu öffnen. Ganz nebenbei kommen dann oft Dinge ans Licht. Vor Kurzem sagte zum Beispiel ein Mädchen beim Seilspringen zu mir: „Die eine von den Mädels da sagt doofe Sachen zu mir.“ Jeder kann mich direkt und beiläufig ansprechen, ohne dass er oder sie dafür einen Termin vereinbaren muss.
Als Schulsozialarbeiterin muss man stets präsent sein, damit die SchülerInnen Vertrauen aufbauen. In kleineren Schulen funktioniert das gut, bei mir sind das 145 Kinder. Ich kenne alle Vornamen der SchülerInnen und im Idealfall auch die Klassen, die sie besuchen. Zudem arbeiten wir mit den Eltern zusammen. Wir stellen an Elternabenden unser Angebot vor und bieten auch selbst Elternabende zu sozialpädagogischen Themen an, wenn das gewünscht ist. 

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Welche wichtigen Erkenntnisse ziehen Sie aus 16 Jahren Berufserfahrung? 
Wenn sich ein Kind wegen der gleichen Thematik öfter an jemanden wendet, sollte diese Person auf jeden Fall reagieren. Ein Beispiel: Das Kind berichtet wiederholt davon, dass es im Sportunterricht erneut als Letztes ins Team gewählt wurde und sich zudem immer wieder beleidigende Bemerkungen anhören musste. Es ist notwendig, das betroffene Kind mit der Äußerung sehr ernst zu nehmen, um mit einer empathischen Haltung weitere Informationen zu erhalten. 
Deshalb ist es auch wichtig, sich regelmäßig mit den Lehrkräften und der Schulleitung über grundlegende und aktuelle Schulthemen auszutauschen. An Schulen mit mehr als 1000 Schülerinnen und Schülern gibt es dazu feste Termine mit der Schulleitung. An kleineren Schulen ist das natürlich etwas einfacher. Hier besteht die Möglichkeit, z.B. täglich im Lehrerzimmer zu sprechen und sich auszutauschen.

Gibt es bestimmte Verfahrenswege bei Mobbing an Schulen?
An den benannten Grundschulen gibt es nur sehr wenige Mobbingfälle. Gezielte Handlungen, die dazu dienen, jemanden wirklich auszugrenzen, finden selten statt. Das Wort „Mobbing“ hingegen wird bei uns sehr inflationär verwendet. Die Kinder sagen inzwischen „Mobbing“ anstatt „Ärgern“. 
An anderen Schulen passiert das aber durchaus. Es gibt Schulungen dazu, wie man sich verhalten sollte, sobald man Mobbing mitbekommt. Das ist zum Beispiel der sogenannte „No Blame Approach". Zuerst einmal ist es wichtig zu klären, ob die betroffene Person bereit ist, ihre Erfahrungen zu teilen. Danach sollte das Thema in der Klasse mit allen Beteiligten angesprochen werden. Um alle mit einzubeziehen – Mobber und Opfer –, ist es wichtig, eine klare Botschaft auszusenden: „Ich als SchulsozialarbeiterIn brauche euch jetzt!“ Die Mobber werden vielleicht nicht für das Opfer mitarbeiten, aber für mich. Sie sollen dann Teil einer Unterstützungsgruppe, einer Helfergruppe, sein. Dazu werden auch noch andere SchülerInnen eingeladen. Die Gruppe dient dazu, das Mobbing ohne Schuldzuweisungen durch Gespräche aufzulösen.  

Welche Tipps und Tricks haben Sie für unsere Lehrkräfte im Campus-Bildungsprogramm?
Das Allerwichtigste: Hinschauen, nicht wegschauen! LehrerInnen sollten Regeln aufstellen und die Einhaltung auch von den SchülerInnen einfordern. Dabei ist es wichtig, konsequent zu bleiben und nichts durchgehen zu lassen, auch wenn es anstrengend ist. Wer Mobbing mitbekommt, sollte sich Hilfe von der Schulsozialarbeit holen. SchulsozialarbeiterInnen haben noch einmal eine andere Rolle als Lehrkräfte. Die Lehrkraft muss einen Bildungsauftrag erfüllen, zu dem natürlich auch eine Bewertung durch die Notenvergabe gehört. Mobbing ist aber ein soziales Thema, das in einem wertfreien Raum innerhalb der Schulsozialarbeit ohne Bewertung angegangen werden sollte.
Die Schulsozialarbeit stellt eine niederschwellige Beratung unter besonderem Vertrauensschutz dar. Die SozialpädagogInnen sind rechtlich zur Verschwiegenheit verpflichtet. Nur wenn das Kindeswohl gefährdet ist, muss eingeschritten werden. Kinder sollten immer darüber informiert werden, bevor man etwas weitererzählt. Je nach Fall ist es zudem sinnvoll, eine schulpsychologische Beratungsstelle hinzuzuziehen.

Wie reagieren Kinder und Jugendliche auf Ihr Eingreifen? 
Die Reaktionen der Kinder sind ganz unterschiedlich. Wichtig ist es, gemeinsam mit dem betroffenen Kind zu klären, wie es weitergehen soll. Meistens wird es so lange besprochen, bis ein Weg gefunden wird, mit dem das Kind mitgehen kann. 

Welche Plattformen gibt es als Hilfestellungen für Lehrkräfte? 
Kollegen haben mit dem „Bündnis gegen Cybermobbing e.V.“ gute Erfahrungen gemacht. Der Verein bezieht sich aber nicht nur auf Cybermobbing, sondern unterstützt auch allgemein beim Thema Mobbing.
Mobbing zu vermeiden, bleibt weiterhin die beste Methode. Wenn alle an der Schule  – auch der Hausmeister und die Putzkraft – aufmerksam sind, aufeinander achten und füreinander sorgen, kann viel getan werden. Eine klare Haltung, die alle ausstrahlen, schafft eine ganz andere Stimmung an der Schule. Es gibt Schulen, da sind die LehrerInnen in den großen Pausen so aufmerksam, dass kaum körperliche Auseinandersetzungen entstehen. Das erfordert natürlich enorme Anstrengungen. Doch die Anstrengung ist es wert – nur so kommen wir unserer Vision eines vertrauensvollen Miteinanders an den Schulen Schritt für Schritt näher. 

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