Familie im Fokus: Wie Schule und Elternhaus gemeinsam Kinder stärken können

Familie ist für Kinder der erste und prägendste Lernort und gleichzeitig erleben viele Lehrkräfte im Schulalltag, wie unterschiedlich familiäre Hintergründe das Lernen beeinflussen. Doch wie kann Schule sensibel und wirksam darauf reagieren? Welche Herausforderungen zeigen sich besonders häufig? Und welche konkreten Strategien helfen im Klassenzimmer? 
Für diesen Beitrag haben wir mit Dirk Baumann, Pädagoge bei SOS-Kinderdorf Campus, gesprochen. Er begleitet seit vielen Jahren Kinder und Jugendliche sowie deren Familien und kennt die Schnittstellen zwischen Schule und Familie.

Interview

SOS-Kinderdorf Campus: Herr Baumann, welche Rolle spielt Familie für den schulischen Alltag von Kindern?
Dirk Baumann: Eine zentrale Rolle. Familie ist der Ort, an dem Kinder emotionale Sicherheit, Wertevorstellungen und erste Lernhaltungen entwickeln. Wenn ein Kind beispielsweise gelernt hat, dass Fehler erlaubt sind, wird es auch in der Schule eher aktiv mitarbeiten. Umgekehrt können belastete Familiensituationen dazu führen, dass Kinder Schwierigkeiten haben, sich zu konzentrieren bzw. Vertrauen aufzubauen. 
Mit welchen familiären Herausforderungen kommen Kinder besonders häufig in die Schule?
Die Bandbreite ist groß. Häufig sehen wir Trennungen oder Konflikte zwischen den Eltern, psychische Belastungen innerhalb der Familie, finanzielle Sorgen oder Überforderungen der Eltern sowie Leistungsdruck. Für Lehrkräfte ist wichtig zu verstehen: Verhalten im Unterricht ist oft ein Ausdruck dieser Belastungen und kein Fehlverhalten im klassischen Sinne. 
Was können Lehrkräfte konkret tun, wenn sie vermuten, dass ein Kind familiäre Probleme hat?
Zunächst einmal beobachten, ohne vorschnell zu urteilen. Dann empfehle ich drei Schritte:
  1. Verlässliche Beziehungsarbeit: Ein verlässlicher Kontakt zur Schülerin oder zum Schüler ist entscheidend. 
  2. Gespräch suchen: Sensibel und wertschätzend, ohne Vorwürfe, auch gegenüber den Eltern. 
  3. Unterstützung einbinden: Schulsozialarbeit, Beratungsstellen oder externe Partner wie SOS-Kinderdorf können helfen. 
Generell gilt: Lehrkräfte müssen diese Situationen nicht alleine lösen.
Viele Lehrkräfte fühlen sich unsicher im Umgang mit Eltern. Haben Sie konkrete Tipps für Gespräche?
Ja, unbedingt. Elterngespräche sind oft der Schlüssel. Wichtig ist:
  • Auf Augenhöhe kommunizieren: Eltern sind Experten für ihr Kind.
  • Ich-Botschaften verwenden: Statt „Ihr Kind stört“ eher „Mir fällt auf, dass …“ formulieren.
  • Lösungsorientiert bleiben: Gemeinsam überlegen, was dem Kind helfen kann.
  • Ressourcen betonen: Nicht nur Probleme ansprechen.
Ein wertschätzendes Gespräch kann Vertrauen aufbauen und das wirkt sich direkt positiv auf das Kind aus. 
Wie können Lehrkräfte Kinder konkret im Unterricht stärken, wenn familiäre Belastungen vorliegen?
Es geht vor allem um Stabilität und Verlässlichkeit. Klare Strukturen im Unterricht geben Sicherheit und Rituale helfen Kindern, sich zu orientieren. Positive Rückmeldungen stärken das Selbstwertgefühl und individuelle Unterstützung zeigt: „Ich werde gesehen“. Manchmal sind es kleine Dinge: ein kurzes Nachfragen, ein ermutigendes Wort, die einen großen Unterschied machen.
Was wünschen Sie sich von Schulen im Umgang mit dem Thema Familie?
Schule, Familien und Jugendhilfe müssen stärker zusammenarbeiten. Außerdem wäre es hilfreich, das Thema „Familienrealitäten“ stärker in der Lehrkräfteausbildung zu verankern. 

Fazit für die Praxis

Familie und Schule sind keine getrennten Welten, sie beeinflussen sich gegenseitig. Schule kann familiäre Herausforderungen nicht aufheben, wird aber zunehmend zu dem Ort, an dem die Folgen sichtbar und somit bearbeitet werden müssen. Gerade deshalb kommt auf Lehrkräfte als stabilisierende Bezugsperson eine wichtige Rolle zu. Entscheiden ist das systematische Zusammenspiel von Schule, Eltern und weiteren Unterstützungsstrukturen. 

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